Die letzten Tage sind gezaehlt

In den letzten Tagen hat sich eine Menge veraendert: meine Jobsuche hat ein Ende! Nach dreiwoechigem Klinken putzen, bin ich seit freitag gleich dreifach angestellt. Aber ich versuche, von vorne zu erzahlen.

Vormittags verteile ich immer, wie ich glaub ich schon erzahlt habe, Flyer. Ist wenig spektakulaer, aber ich verdiene gut und kann die ganze Zeit Musik hoeren. Da diese Arbeit nur auf 2 Wochen begrenzt ist, reicht das natuerlich nicht. Ausserdem ist Sydney einfach nur teuer. Am Donnerstag sah meine Suche immer noch fruchtlos aus und ein Ende der Erfolglosigkeit war nicht in Sicht. Also hatte ich schon fest beschlossen, am naechsten Tag meinen Abflug nach Cairns zu buchen und von dort aus nach Port Douglas zu traveln. Dort gibt es die schoensten Straende Australiens und nur Luxushotels, d.h. keine Moeglickeit, Geld auszugeben, aber viele Moeglichkeiten Geld zu verdienen und einfach mal zur Ruhe zu kommen. Sydney ist eine Grossstadt und ich haenge hier einfach ein wenig in den Seilen. Ausserdem ist eine neu gewonnene Freundin schon dort und ich waere ihr gefolgt. Meine letzte Unternehmung, hier in Sydney eine Anstellung zu bekommen, hab ich dann Donnerstagnachmittag unternommen. Unter uns Backpackern heisst das "Pimp my CV", auf gut deutsch "Faelsche deinen Lebenslauf so, dass sie dich nehmen MUESSEN". So hab ichs dann auch gemacht. Laut CV habe ich eine steile Karriere hinter mir. Ich habe meine komplette Identitaet geloescht, mein Name ist jetzt nur noch das einzig Wahre daran. Da ich schon absolut auf Port Douglas eingerichtet war, hab ich den Lebenslauf nur so zum Spass in einem einzigen Cafe, eher gesagt einer Edeleisbude abgegen. Am Abend hatte ich den Job. Am naechsten Morgen wollte meine Gluecksstraene gar nicht mehr enden und ich bekam den Job als Night-Manager im Eva's, meinem ersten Hostel. Das bedeutete vorgesterngleich meinen vierten Umzug in vier Wochen. Und als Hoehepunkt aller Glueckseligkeit darf ich dort nach vier Wochen harter Entbehrung folgenden Luxus geniessen: Ich habe wieder ein Bett in der ersten Etage!!! Die naechtlichen Kletterpartien haben ein Ende, blaue Flecken ade. Einfach wunderbar. Ausserdem ist es hier einfach sauberer. Die Kakerlaken in dem anderen Hostel hatten monsterhafte Ausmasse, bestimmt 5 cm. Als mir am Sonntag eine aus dem Rucksack gekrabelt ist, war ich einfach zu muede, sie zu jagen. Die Dinger sind blitzschnell und toeten darf man sie ja auch nicht. Haette ich aber auch nicht gemacht, dafuer sind sie einfach zu gross. Da ist mein Mitleid groesser als mein Ekel. Generell hat sich meine Einstellung gegenueber ekligen Dingen hier sehr veraendert. Nicht nur, dass ich mich mit schimmeligen und stinkenden Baedern und fremden Haaren im Bett vollkommen zufrieden gebe. Nein, ich habe gestern einen Zucchini-Auberginen-Salad gegessen und der Schafskaese hier ist einfach koestlich!

 

Meine Freizeit verbringe ich hier immer noch groesstenteils alleine, weil wir alle so unterschiedliche Arbeitszeiten haben und mich Dinge interessieren, die den anderen total schnuppe sind. So war ich gestern zum Beispiel im Olympiapark. Ok, der war langweilig. Einfach nur die Sportstaetten. Und ich hab mir alles etwas groesser vorgestellt. Der Park an sich war riesig, aber die Stadione (keine Ahnung ob das die richtige Mehrzahl von Stadion ist) waren enttaeuschend klein. Wie mein alter Sportplatz. Nagut, vielleicht ein bisschen groesser. Und da ich das alles so langweilig fand, meine Nachtschicht erst in drei Stunden anfing und mein superteueres Travelticket (Bus, Bahn und Faehre zu einem Preis) am naechsten Tag, also heute, abgelaufen waere, bin ich vier Kilometer zum naechsten Faehranlegeplatz gewandert und mit dem Boot zurueck zum Circular Quay. Heute war meine Wanderlust immer noch nicht gestillt. Da ich ja in North Sydney arbeite, aber in Kings X wohne, muss ich jeden Tag morgens um halb sieben noch eine Stunde zur Arbeit fahren. Dabei ueberquere ich dann auch jeden Tag die Habour Bridge und sehe jeden Morgen die Sonne hinter der Sydney Oper aufgehen. Wunderschoen. Jedenfalls, zurueck zum Thema, denke ich, dass man nicht in Sydney gewesen sein darf, ohne die Bruecke einmal zu Fuss zu ueberqueren. Und das hab ich dann auch gemacht. Dannach gings zum ersten Mal fuer mich richtig ausfuehrlich in den Botanischen Garten. Da hab ich 1,5 Std. Mittagsschlaf auf der Wiese in der Sonne gemacht und dann hab ich mir den Garten noch so angeguckt. Die Pflanzen sind dort ganz aussergewoehnlich, aber da ich ihre Namen nicht kenne und sie auch nicht so spaektakulaer wie Tiere sind, moechte ich auch nur von letzteren berichten. Vor drei Wochen hatte ich nachts mit Caro im botanischen Garten meine erste Begegnung mit einem Opossum. Das hinterhaeltige Vieh hat sich einfach auf uns drauf fallen lassen. Nicht neben uns, auf uns! Dann gibt es noch Unmengen an Kakadus. Die sind klasse und aalen sich gerne vor Fotoapparatlinsen. Wenn einer von denen einen Alarmruf ausstoesst, erhebt sich eine ganze Wolke von ihnenaus allen Baeumen ueber den Garten. Wirklich schoen. Dann sind da noch die Loris. Die benehmen sich wie unsere deutschen Schwalben, machen dabei aber eine bessere Figur. Das sind ganz bunte Papageien, Deckfarbe gruen, mit blauen, gelben und roten Baeuchen. Und als letztes konnte ich noch die Flughunde beobachten. Die chillen den ganzen Tag kopfueber zu Tausenden (!!!) in den Baeumen, sind haengend ca. 50 cm gross und haben eine Fluegelspannweite von ungefaehr 1 m. Wenn die fliegen sind sie also "richtige" Fledermaeuse. Gruselig, aber beeindruckend. Morgen weiss ich noch nicht, was ich machen werde. Ich kann seit Tagen das erste Mal wieder ausschlafen und hab nur die Nachtschicht in meiner Eisdiele am Darling Habour (fuer alle, die die Sicht aus meiner Bude mal googlen und mich beneiden wollen...). Da ich mit meinen ganzen Jobs leider immernoch kein Geld verdiene und nur schwer die laufenden Kosten decken kann, werde ich Sydney wahrscheinlich in zwei Wochen verlassen. Entweder ich gehe nach Port Douglas in die absolut tropische Hitze oder nach Melbourne in die Fruehlingskaelte. Dort beginnt im November die Kirschernte. Was ich letztendlich mache, entscheide ich spontan. Mal schauen, worauf ich Lust habe und wohin mich meine Welle traegt. Und vielleicht, oder nein, ganz bestimmt eroeffnen sich in den naechsten Tagen noch viele weitere Moeglichkeiten fuer mich. Ich liebe dieses freie und ungebundene Leben, in dem ich jeden Tag neu entscheiden kann, was ich machen werde und wo es mich hintreibt. Fuer dieses Erlebnis bin ich schliesslich hergekommen, und das es so hart wird, konnte ich ja vorher schon erahnen.

10.10.07 10:32

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Miri (10.10.07 11:06)
trotz der härte und den hindernissen, die du sich dir - wenn gleich auch in anderen formen- hier in den weg gestellt hätten, fülle ich mich wie verzaubert bei dem, was du schreibst, beneide dich, aber noch mehr gönne ich dir dein neues leben

und, nicht zu viel eis mampfen :-P


uwe (10.10.07 19:27)
Es ist schön zu lesen was du schreibst und es schön zu lesen wie du es schreibst. Ich freue mich ganz dolle für dich und beneide dich auch und ich bin ganz schön stolz auf dich (nicht nur weil du mitleid mit den kakakerlaken hast.)
Tschüß papa


Schorsch (11.10.07 16:35)
Mensch Grammi, das klingt ja mal wirklich optimistisch! Schön zu hören das es dir sozusagen besser geht. So ganz glauben kann ich deine reiselust noch nicht, so kennt man dich nicht wirklich, ich für meinen teil zumindest nicht. das man ein solches leben in vollen zügen genießen kann, wenn es auch anstrengend ist, kann ich aber durchaus nachvollziehen. Wenn das Ende meiner Lehre, was ja momentan noch in weiter Ferne liegt näher rückt, werde ich mich mit dem Gedanken um das Wandergesellentum auch näher beschäftigen, denn nichts ist dem Menschen so lieb, wie die Freiheit, verbunden mit der Gewissheit, das irgendwo auf der Welt, wie weit diejenigen auch entfernt sind, es Menschen gibt die auf einen warten! Alles Liebe und bis bald: Schorsch

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